
Sprache ist mehr als Wörter und Grammatik – sie ist der Schlüssel zu Teilhabe, Selbstständigkeit und Zugehörigkeit. Für ukrainische Geflüchtete in Luzern bedeutet Deutsch nicht nur „eine neue Sprache lernen“, sondern vor allem: im Alltag ankommen, sich sicher fühlen, eigene Anliegen ausdrücken und Schritt für Schritt wieder Kontrolle über das eigene Leben gewinnen.
Viele Menschen, die nach der Flucht in der Schweiz ankommen, stehen in kurzer Zeit vor enormen Herausforderungen: Behördengänge, Termine, Arztbesuche, Schule, Kita, Arbeitssuche, Wohnung, Versicherungen – alles läuft in einer Sprache, die zunächst fremd ist. Wer sich nicht verständigen kann, fühlt sich schnell abhängig, isoliert oder unsicher. Genau deshalb ist Deutschunterricht einer der wichtigsten Bausteine unserer Arbeit im Ukrainischen Kulturzentrum in Luzern.
Unsere Deutschkurse bieten einen geschützten Rahmen, in dem Lernende ohne Angst Fehler machen dürfen – und gleichzeitig ganz praktisch lernen, was sie im Alltag wirklich brauchen. Denn Sprache schafft Verbindung: zu Nachbarinnen und Nachbarn, zu Lehrpersonen, zu Arbeitgebern, zu Behörden – und damit zu einer echten Perspektive in der Schweiz.
Warum Deutsch so wichtig ist
Deutschkenntnisse sind für geflüchtete Menschen in Luzern ein zentraler Schritt Richtung Integration und Stabilität:
- Selbstständigkeit im Alltag: einkaufen, Post verstehen, Formulare ausfüllen, telefonieren, Termine vereinbaren
- Zugang zu Bildung: Eltern können mit Lehrpersonen sprechen, Kinder besser unterstützen, Schulinfos verstehen
- Berufliche Chancen: Deutsch ist oft Voraussetzung, um Arbeit zu finden oder eine Ausbildung zu beginnen
- Sicherheit und Orientierung: wer versteht, fühlt sich weniger ausgeliefert und kann sich besser schützen
- Soziale Teilhabe: Gespräche führen, Kontakte knüpfen, Teil der Gesellschaft werden
- Stärkung des Selbstwertgefühls: Sprache gibt Würde zurück – weil man wieder „für sich selbst sprechen“ kann
Gerade in einer Lebensphase, die von Unsicherheit geprägt ist, kann das Erlernen einer Sprache auch etwas sehr Heilsames sein: Es gibt Struktur, Erfolgserlebnisse und die Erfahrung, wieder wachsen zu können.
Hochdeutsch – und auch Schweizerdeutsch verstehen lernen
Ein wichtiger Teil des Ankommens in der Schweiz ist ausserdem das Verstehen der lokalen Sprache im Alltag. Denn in Luzern wird im täglichen Leben nicht nur Hochdeutsch gesprochen, sondern sehr oft Schweizerdeutsch – im Supermarkt, am Telefon, in der Nachbarschaft, im Kindergarten oder bei Freizeitaktivitäten.
Für viele Geflüchtete ist das anfangs eine zusätzliche Hürde: Man hat vielleicht schon erste Wörter in Hochdeutsch gelernt – und versteht trotzdem kaum etwas, wenn dann plötzlich Dialekt gesprochen wird.
Darum geht es in unseren Kursen nicht nur um korrektes Hochdeutsch, sondern auch darum, sich Schritt für Schritt an die Realität im Kanton Luzern anzunähern:
- typische Wörter und Ausdrücke, die im Alltag häufig vorkommen
- Hörverständnis trainieren (z. B. Gesprächssituationen)
- Mut gewinnen, nachzufragen („Chönd Sie das bitte no einisch säge?“)
- Unterschiede zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch kennenlernen
Denn wer Schweizerdeutsch zumindest ein bisschen versteht, fühlt sich im Alltag schneller sicher und integriert.
Unterricht mit Herz, Erfahrung und Praxisbezug
Ein besonderer Schatz unseres Programms ist, dass der Deutschunterricht bei uns von Menschen getragen wird, die sich mit großem Engagement ehrenamtlich einsetzen:
Die ehemalige Deutschlehrerin Esther Studer unterrichtet freiwillig zwei Gruppen jeweils zweimal pro Woche. Durch ihre pädagogische Erfahrung schafft sie eine Lernatmosphäre, die sowohl professionell als auch herzlich ist – klar strukturiert, aber immer menschlich und motivierend.
Zusätzlich übernimmt unser ehrenamtlicher Unterstützer Fredy einmal pro Woche einen Kurs. Durch die Regelmäaaigkeit und die persönliche Begleitung entsteht ein Lernraum, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern echte Beziehung – und genau das macht Lernen oft erst möglich.


Was der Deutschunterricht bei uns beinhaltet
Unsere Kurse sind bewusst praxisnah aufgebaut. Im Zentrum steht nicht nur das Schulbuch, sondern das echte Leben – also genau die Situationen, die geflüchtete Menschen täglich meistern müssen.
Der Unterricht umfasst unter anderem:
Alltagsdeutsch & praktische Kommunikation
- sich vorstellen, über sich sprechen, Gefühle ausdrücken
- einkaufen, nach dem Weg fragen, anrufen, Termine vereinbaren
- Gespräche im Umfeld: Schule, Nachbarschaft, Arbeit
Lesen und Verstehen
- Briefe und Post von Behörden
- Mitteilungen aus Schule/Kita
- einfache Texte, Aushänge, Formulare
Schreiben
- kurze Nachrichten, E-Mails, einfache Bewerbungsbausteine
- Formulare verstehen und ausfüllen
- Alltagstexte: Notizen, Rückmeldungen, Anmeldungen
Wortschatz & Grammatik
- gezielter Aufbau von Wortschatz (z. B. Gesundheit, Wohnen, Schule, Arbeit)
- Grammatik so, dass sie im Alltag anwendbar wird
- sichere Aussprache und Hörverständnis
Austausch & Orientierung
Im Kurs geht es auch darum, Fragen zu stellen, Dinge zu verstehen und sich gegenseitig zu unterstützen. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleben, dass sie nicht allein sind – und gewinnen dadurch Mut.
Kurszeiten und Ort
Ort: Bibliothek der Music Box 1 (Luzern)
Montag
- 16:00 – 17:00
- 17:00 – 18:30
Donnerstag
- 15:00 – 16:30
- 17:00 – 18:30
Die Kurse finden in zwei Gruppen statt und ermöglichen dadurch Lernen in einer passenden Geschwindigkeit und Atmosphäre.
Ein Angebot, das Brücken baut
Deutschunterricht ist bei uns nicht einfach ein Kurs – er ist eine Brücke. Eine Brücke vom „Überleben“ hin zum „Leben“. Von Unsicherheit zu Stabilität. Von Isolation zu Teilhabe. Und nicht zuletzt: von der Erfahrung des Verlustes zur Erfahrung, wieder etwas Eigenes aufbauen zu können.
Wir danken unseren ehrenamtlichen Lehrpersonen von Herzen – und allen, die dieses Angebot möglich machen. Denn jede gelernte Vokabel, jeder verstandene Brief, jedes selbstbewusst geführte Gespräch im Alltag ist ein Schritt in Richtung Zukunft.
